Samstag, 13. November 2010
Löschen von Texten auf Pergament
Eine Besonderheit des Pergamentes ist die Möglichkeit, vorhandene Texte zu löschen und die Haut danach wieder zu beschreiben. So eine Neuschrift nennt man Palimpsest (griech. palimpsestos - wieder abgeschabt). Mit dem Federmesser, einem Bimsstein oder einem speziellen halbrunden Schaber auf einem senkrechten Griffstück, der auf verschiedenen byzantinischen Evangelisten-Bildern dargestellt ist und novaculum genannt wurde, konnten alte Texte herunter gekratzt werden. Hierbei passierte es schon mal, dass die einzige vorhandene Abschrift eines als ketzerisch indizierten griechischen oder lateinischen Klassikertextes gelöscht und beispielsweise mit der Bestandsliste der klösterlichen Speisekammer überschrieben wurde. So gab es die Schriften des berühmten Gelehrten Archimedes Jahrhunderte lang nur in späten lateinischen Übersetzungen. Der einzige überlieferte Text in seiner griechischen Muttersprache ("Über schwimmende Körper") befindet sich auf einem Codex, den im Jahr 1998 ein Unbekannter für zwei Millionen Dollar ersteigerte und der Stadt Baltimore schenkte. Das Dumme ist nur: Der griechische Text, der vermutlich im 10. Jahrhundert entstand und eine Abschrift der Originaltexte aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. ist, wurde von einem Mönch des 12. Jahrhunderts weggekratzt und neu mit Gebettexten überschrieben. Mit neuester Technik haben jetzt Wissenschaftler der John Hopkins University und des Rochester Institute of Technology die ersten fünf Seiten des griechischen Textes wieder sichtbar gemacht und entziffert.
Montag, 8. November 2010
Pergament Herstellung
Unser erstes Pergament entstand eher zufällig, als ein Fell beim Waschen haarlässige Stellen zeigte. Da standen wir nun vor der Frage, was wir damit tun sollten. Unglücklicherweise war besagtes Fell ein Kaninchenfell, so dass es sich für die Lederherstellung nun wirklich nicht anbot. Also improvisierten wir rasch einen Spannrahmen und ließen die Haut stramm aufgespannt trocknen, damit sie nicht verdarb und wir in Ruhe nachforschen konnten, wie denn daraus ein Pergament herzustellen sei.
Leider gibt es nur wenige mittelalterliche Quellen zu diesem Thema, so dass der Vorgang vor allem aus Abbildungen rekonstruiert werden muss. Eine einfache Beschreibung der Pergamentherstellung ist aber in einem Codex aus dem 9. Jahrhundert zu finden: „Lege (die Haut) in Kalkwasser und lasse sie drei Tage in ihm liegen; spanne sie dann in einem Gestell aus, schabe sie auf beiden Seiten mit einem scharfen Messer ab und lasse sie trocknen“. Und Conrad von Mura schreibt im 13. Jahrhundert: „Die Haut des Kalbes wird vom Haar befreit, ins Wasser gelegt. Kalk wird hinzugemischt, der alles Rohe wegfressen soll, (die Haut) vollkommen reinigen und die Haare ablösen soll. Ein Reifen wird angepasst, an dem die Haut ausgespannt wird. Sie wird an die Sonne gestellt, damit alle Feuchtigkeit entweicht. Dann kommt das Messer und entfernt Fleisch und Haare, macht die Haut geschmeidig und fein“. Beide Beschreibungen sind recht knapp, zudem widersprüchlich und als genaue Arbeitsanweisung nicht gerade geeignet...
Blutige Häute vom Abdecker
Aus den zitierten Beschreibungen, den Abbildungen in den Ständebüchern von Jost Ammann und Christoph Weigel und weiteren Beschreibungen aus nachmittelalterlicher Zeit sowie den althergebrachten Techniken der heute noch tätigen Pergamenthersteller lässt sich aber doch ein recht genaues Bild zeichnen.
Der Pergamenter fuhr zu den Abdeckereien und Schlachtern, um sich aus den dort anfallenden Schlachtresten brauchbares Rohmaterial auszusuchen. Allerdings hatten die Gerber hierbei meist Vorrang, woraus zu schließen ist, dass die Herstellung von Leder wichtiger war als die Herstellung von Pergament. So musste sich der Pergamenter mit dem begnügen, was übrig blieb. Ziegen- und Schafshäute für das genannte Jungfernpergament bekam er möglicherweise auch direkt von umherziehenden Schäfern, die die Früh- und Totgeburten in ihrer Herde gleich abzogen und die Häute eingesalzen oder getrocknet mit in die Städte brachten.
Gefährlicher Kalkäscher
Salz- und Trockenhäute mussten nun ausgewaschen und eingeweicht werden, während Grünhäute, also Rohhäute direkt vom Abdecker, gleich weiterverarbeitet werden konnten. Die Häute wurden zunächst mehrere Wochen lang in einer Lösung aus Wasser und Kalk eingelegt. Diese stark alkalische, nach Ammoniak riechende Lauge zersetzt die oberste Schicht der Rohhaut, so dass sich die Haare aus den Haarwurzeln lösen, und sie quillt die Fleischreste auf, was das Entfleischen vereinfacht. Das Ansetzen des so genannten Kalkäschers aus Wasser und ungelöschtem Kalk war in einer Zeit ohne wirksame Schutzkleidung ausgesprochen gefährlich und wird wohl so manchem Pergamentergesellen durch umherspritzende Kalklauge das Augenlicht gekostet haben.
Enthaaren und Entfleischen
Nach der Entnahme aus dem Äscher wurde die Haut ausgespült und kam dann auf den Gerberbaum, einen längs gespaltenen Baumstamm, der mit einer Seite auf einem Ständer stand. Dort wurden die Haare auf der Vorderseite mit dem Scherdegen, einem biegsamen geraden Messer mit zwei Griffen, und die Fleisch- und Fettreste der Rückseite mit dem Streicheisen, einer ganz ähnlich aussehenden feststehenden geschwungenen Klinge entfernt. Hierbei musste der Pergamenter natürlich aufpassen, dass er kein Loch in die Haut schnitt, denn dann war das ganze Pergament unbrauchbar. Schließlich wurde die nunmehr entstandene „Blöße“ in ein fließendes Gewässer gehängt und gründlich durchgespült, bis keine Reste der Kalklauge mehr in der Haut waren.
Aufspannen und Trocken
Bis zu diesem Punkt ähnelt die Pergamentherstellung der Herstellung von Leder. Doch während der Gerber nun die Haut einer chemischen Behandlung unterzog, damit sie zu Leder wurde, spannte der Pergamenter sein Produkt zum Trocknen auf einen Spannrahmen, den es sowohl in runder als auch in rechteckiger Form gab. Dafür legte er den Rand der nassen Haut auf kleine Steine und band die Haut mit einer Schnur um jeden Stein fest. Mit diesen Schnüren, an deren Ende kleine Holzknebel saßen, befestigte er nun die Haut auf dem Rahmen. Mit Hilfe eines Spannschlüssels konnten die Knebel gedreht und somit die Haut gleichmäßig gespannt werden. Doch durfte die Haut nicht einfach so unbeaufsichtigt vor sich hin trocknen. Eine gleichmäßige und kontrollierte Spannung war notwendig, damit sie nicht hornartig und hart auftrocknete und durchsichtig wurde. Da die Haut nicht überall gleich dick ist, trocknet sie unterschiedlich schnell. Deshalb mussten die Knebel immer wieder an einigen Stellen gelockert, an anderen gespannt und gegebenenfalls einige Stellen nachgefeuchtet werden, um eine gleichmäßige Trocknung zu gewährleisten.
Durch die starke Spannung wird die Hautstruktur mehr aus der Dicke in die Breite verlagert, die Fasern werden auseinandergezogen und es bilden sich Zwischenräume, in die Luft eindringt. Es sind diese Luftpolster, die verhindern, dass die spanngetrocknete Haut steif wie ein Brett wird. Das Pergament ist zwar am Ende nicht so geschmeidig wie ein gegerbtes Leder, aber auch nicht so hart wie eine ohne Spannung getrocknete Haut.
Glätten und Schneiden
Nun musste die trockene Haut noch auf der Fleischseite geglättet und das gesamte Pergament auf eine gleichmäßige Dicke gebracht werden. Da die Pergamenter sich gern einen gebildeten Anstrich gaben – schließlich waren ihre Hauptkunden ja Mönche -, bezeichneten sie das hierfür verwendete Werkzeug mit dem lateinischen Namen lunellum. Dies ist ein halbmondförmiges Messer, das in einen quer zur Klinge stehendes Griffstück eingelassen ist, so dass es möglich ist, den Griff mit beiden Händen anzufassen, um mit hohen Druck alle Unebenheiten auf der Haut abzuglätten. Nach dem Glätten war das Pergament fertig und die verwendbare Fläche, die nun „Nutzen“ genannt wurde, konnte als rechteckiger Bogen direkt aus dem Spannrahmen geschnitten werden, so dass die hart gewordenen Ränder im Rahmen verblieben.
Grundieren und Färben
Zur direkten Beschriftung im klösterlichen Skriptorium waren diese Bögen allerdings noch nicht geeignet. Dazu mussten die Oberflächen erst vorbereitet werden. Hier hatte wohl jeder Schreiber sein eigenes Rezept und seine eigene Methode. Zumeist raute er das Pergament mit einem Bimsstein auf und rieb es dann mit Kreide ein, damit es die Tinte besser aufnahm. Auch konnte er das Pergament mit einer dünnen Eiweißlösung einstreichen, damit die aufstehenden Fasern wieder glatt anlagen. Andere Schreiber wiederum verwendeten hierfür Pergamentleim oder Leim aus der getrockneten Schwimmblase des Störs. Weitere nachgewiesene Bindemittel waren Harze von Kirsch- und Pflaumenbäumen. Es war sogar möglich, für besonders kostbare Handschriften das Pergament einzufärben, beispielsweise mit Purpur, Grünspan, Indigo, Safran oder Krapp. Abschließend wurden die Bögen noch auf das gewünschte Format zurecht geschnitten und der Satzspiegel mit einem Lineal und einer feinen Ahle markiert. Es sind einige mittelalterliche Abhandlungen überliefert, in denen diese Vorbereitungsarbeiten mit Binde- und Färbemitteln und die Herstellung der Untergründe, Farben und Tinten sowie deren Unverträglichkeiten untereinander genau beschrieben werden.
Wir bearbeiten die aufgespannte Haut auf die gängige Art mit Bimsstein und Kreide, auch wenn dies ursprünglich nicht mehr Aufgabe des Pergamenters war, da uns bislang kein Schreiber begegnet ist, der die Grundierung selber machen möchte – das Wissen um die speziellen Rezepturen hierfür ist wohl verloren gegangen.
Die verschiedenen Pergamentsorten
Pergament ist die enthaarte und auf einem Spannrahmen getrocknete Haut von unterschiedlichen Tieren. Es unterscheidet sich vom Leder dadurch, dass es nicht gegerbt werden muss. Grundsätzlich ist es möglich, aus nahezu allen Tierhäuten Pergament zu fertigen, jedoch wurde Schreibpergament vor allem aus den Häuten von Schafen, Ziegen und Kälbern hergestellt. Am häufigsten war die Verwendung von Schafspergament. Das lag hauptsächlich daran, dass es so viele dieser Tiere gab. Viele Klöster hatten ihre eigene Herde, denn schließlich ist das Schaf das perfekte Nutztier: Anspruchslos in der Haltung liefert es Wolle, Milch, Fleisch, Felle, Leder und eben Pergament.
Aus der Haut von Ziegen lässt sich ein kräftiges Pergament mit einer ausgeprägten Oberflächenstruktur herstellen. Dies bestätigen auch unsere eigenen Erfahrungen, bei denen wir auf Mittelaltermärkten schönes, weißes Ziegenpergament gefertigt haben. Ziegen wurden jedoch damals nicht in dem Umfang wie Schafe gehalten, so dass hier nicht so viele Rohhäute anfielen.
Das beste Pergament ist aber ohne Zweifel aus der Haut von Kälbern herzustellen. Nahezu alle wertvollen Evangeliarien und Prachtbibeln, die aus dem Mittelalter erhalten sind, sind auf Kalbspergament geschrieben. Um es vom gewöhnlichen pergamentum zu unterscheiden, wurde es als vellum bezeichnet. Heute allerdings haben sich diese Begrifflichkeiten ein wenig vermischt, so dass im Deutschen nur das Wort Pergament verwendet wird, während in England der Begriff Vellum und in Frankreich der Begriff Vélin jedes weiße Pergament von guter Qualität bezeichnen. In England wurden auch Rindspergamente beschrieben, während Schweinspergament vor allem für die Herstellung von Bucheinbänden verwendet wurde, da es aufgrund seiner Grobporigkeit zum Beschreiben ungeeignet ist.
Viele Legenden ranken sich zudem um das sogenannte Jungfernpergament (lat. charta non nata, frz.velót). Dieses war so dünn wie Papier und wurde angeblich aus den Häuten zu früh geborener Kälber hergestellt. Auch glaubte man, dass hierfür Frühgeburten bei Kühen künstlich eingeleitet wurden. Neuere Forschungen haben aber ergeben, dass es sich beim Jungfernpergament um die Haut von sehr jungen oder totgeborenen Schafen oder Ziegen handelt. Die von uns hergestellten, sehr dünnen Pergamente aus Kaninchenhaut kommen dieser Sorte ziemlich nahe.
Eine heute recht beliebte Pergamentsorte ist das so genannte Antikpergament, das aus der Haut von totgeborenen oder verendeten Kälbern hergestellt wird. Weil im Gegensatz zu einem geschlachteten Tier das Blut nicht abfließen kann und in den Adern gerinnt, entsteht im Pergament eine adrige Struktur. Dieses netzartige Muster ist sehr beliebt für die Herstellung von Bucheinbänden oder für heraldische Darstellungen.
Leider kann man heute oft nicht mehr feststellen, von welchem Tier ein Pergament stammt, da zur Vorbereitung für die Beschriftung auch das Abschleifen der Haut mit einem Bimsstein gehörte. Dadurch wurde mit der Porenstruktur der einzige Hinweis auf die Herkunft einer Haut vernichtet.
Pergament heute
Ab dem 13. Jahrhundert wurde das Pergament weitgehend von dem in China erfundenen und über die Araber nach Europa gelangtem Papier ersetzt, weil dieses aus Textilabfällen (Hadern) hergestellt wurde und daher wesentlich billiger war. Hautpergament wurde jedoch aufgrund seiner weitaus größeren Haltbarkeit noch lange, teilweise bis heute, für die Ausfertigung von Urkunden, Wappendarstellungen, Stammbäumen und anderen wichtigen Dokumenten verwendet. Kaiser Maximilian I. ließ sein berühmtes Gebetbuch von 1515, an dessen Gestaltung so namhafte Künstler wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach und Hans Burgkmair beteiligt waren, in einer Prachtausgabe auf Pergament drucken, während die weiteren Ausgaben davon auf Papier gedruckt wurden.
Da Pergament nicht nur zum Beschreiben geeignet ist, behielt der Berufstand der Pergamentmacher weiterhin seine Bedeutung. Vor allem für die Bespannung von Trommeln für die Armeen, denn es kam die Zeit der großen Kriege zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert mit ihren Massenschlachten. Ansonsten beschränkte sich die Verwendung von Pergament vor allem auf Lampenschirme und – wohl wiederum eine Folge der vielen Kriege – auf Prothesenbezüge.
Exklusiv für Mönche
Zu Beginn des Mittelalters wurde dann die Herstellung von Urkunden und Büchern mehr und mehr eine Angelegenheit der Kirche, da diese sozusagen ein Monopol auf den Gebrauch der Schrift hatte. So zeigen frühe Abbildungen von der Pergamentherstellung zumeist Mönche bei dieser Arbeit, doch gegen Ende des Frühmittelalters entstand der Berufsstand des Pergamentmachers (permenter), der den Klöstern und deren Skriptorien die getrocknete Tierhaut lieferte, wobei aber die Schreibermönche diese Häute mit Bimsstein, Kreide und anderen Mitteln noch weiter bearbeiten mussten, um die optimale Beschreibbarkeit zu erreichen. Die Kenntnisse darüber, wie eine Haut herzurichten war, damit sie die Tinte am besten aufnahm, fehlten nämlich den Pergamentmachern, da diese selber meistens nicht des Schreibens kundig waren.
Mangelnde Akzeptanz in Rom
In Kleinasien wurde Pergament schnell zum beliebtesten Beschreibmaterial und gelangte von dort – vielleicht tatsächlich durch Eumenes - nach Rom. Die Römer empfanden es jedoch als barbarisch, auf toten Tieren zu schreiben und wären nicht im Traum darauf gekommen, ihre Steintafeln zu Bauschutt zu zerschlagen, ihre Wachstafeln einzuschmelzen und ihre Papyrusrollen in den Altpapiercontainer zu werfen. Sie benötigten noch gut 400 Jahre Bedenkzeit, in denen sie die glattgeschabte Tierhaut nur für kurze Notizen verwendeten, bis sie die ersten längeren Texte auf diesem Material festhielten. Allerdings bestanden sie noch eine Zeitlang auf der überlieferten Form, wie sie sie von den Papyrusrollen her kannten: Die einzelnen Bögen wurden zu langen Rollen zusammengefügt und von rechts nach links in nebeneinander gesetzten Kolumnen beschrieben. Eine bestimmte Textstelle in diesen bis zu 25 Meter langen Rollen zu finden, war sicherlich eine ziemlich zeitraubende Angelegenheit. Ab dem 4. Jahrhundert entstanden dann die ersten Handschriften in der heute noch gebräuchlichen Buchform, die Codices (Einzahl Codex, von lat. caudex - Holzscheit, da die Codices in dünne Holzbretter eingebunden waren). Diese Form war einerseits einfacher in der Handhabung, man konnte sie besser lagern und zudem konnten im Gegensatz zur Schriftrolle nun beide Seiten eines Blattes beschreiben werden.
Ebenfalls ab dieser Zeit wurde der Begriff membrana pergamena meist zu pergamena verkürzt, erstmals in Kaiser Diocletians Preisedikt aus dem Jahr 301 n. Chr., in dem die Preise für zahlreiche Handelsartikel staatlich festgelegt wurden. Aus dem lateinischen Wort pergamena wurde über das spätlateinische pergamina dann im mittelalterlichen Kirchenlatein pergamentum. Im Mittelhochdeutschen entstand daraus perment, im Alt-Französischen parchemin und im Alt-Englischen parchement.
Frühe Geschichte des Pergaments
König Eumenes II. von Pergamon war sauer: Gerade hatte er seinen großartigen Plan zum Aufbau einer Bibliothek bekannt gegeben, die größer werden sollte als die berühmte Bibliothek zu Alexandria, da stoppte doch prompt der eifersüchtige ägyptische Pharao Ptolemäus die für dieses Projekt notwendigen Lieferungen an Schreibpapyrus. Also befahl der König kurzerhand seinen Hofgelehrten, einen Ersatzstoff zu beschaffen. Diese kamen auf die glorreiche Idee, hierfür Schafsfelle enthaaren und trocken zu lassen. Das entstandene Material war so hervorragend zum Beschreiben geeignet, dass Eumenes damit seine Bibliothek ausstatten konnte. Außerdem wollte er seinen Rivalen Pharao Ptolemäus ausstechen und den römischen Senat beeindrucken. Deshalb reiste er gemeinsam mit dem berühmten Schriftgelehrten Crates nach Rom, um dort einige Blätter dieses neuen sensationellen Schreibmateriales zu überreichen. Die Römer hatten bis dahin zumeist auf Papyrus oder auf Wachstafeln geschrieben oder ihre Gesetzestexte gleich in Steintafeln gemeißelt. Sie waren über die dünn geschliffenen Schafshäute ganz begeistert und nannten sie membrana pergamena, was übersetzt Haut aus Pergamon bedeutet.
Eine schöne Geschichte, aber leider nicht ganz wahr. Denn die ältesten Funde von beschriebener Tierhaut gehen bereits auf die ägyptische 4. Dynastie zurück (um 2700 v. Chr.) und auch in Mesopotamien ist dies schon um 800 v.Chr. belegt. Die Idee, auf Pergament zu schreiben, war also gar nicht neu. Verantwortlich für die Legende sind der römische Schriftsteller Plinius der Ältere (23 – 79 n.Chr.), der in seiner Naturgeschichte schreibt, dass Eumenes II. von Pergamon (dem heutigen Bergama in der westlichen Türkei) aus Mangel an Papyrus das Pergament erfunden habe und der byzantinische Philosoph Laurentius Lydus (ca. 410 – 465 n.Chr.), der die Konkurrenz zwischen Eumenes und Ptolemäus um die Gunst Roms und den Besuch von Eumenes und Crates im Jahr 168 v. Chr. schildert. Auch der spanische Bischoff und Kirchenlehrer Isidor von Sevilla (ca. 560 – 636 n. Chr.) geht in seiner „Etymologiae“, einer Enzyklopädie des weltlichen und geistlichen Wissens des 7. nachchristlichen Jahrhunderts, davon aus, dass das Pergament von dem pergamenischen König erfunden wurde. Tatsächlich haben Eumenes’ Hofgelehrte aber wohl nur die althergebrachten Methoden zur Herstellung von Pergament übernommen und verbessert. Wie auch der bis dahin gebräuchliche Schilfpapyrus, der aus den Stengeln und dem Mark einer ägyptischen Schilfstaude gefertigt wurde, war die getrocknete Tierhaut ein recht aufwendig herzustellendes Produkt und somit entsprechend teuer. Doch hatte es gegenüber dem Papyrus zahlreiche Vorteile: Es war wesentlich haltbarer und reißfester, konnte geknickt werden, war leichter zu beschreiben und zudem konnten Schreibfehler oder alte Texte einfach weggeschabt und überschrieben werden.
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