Montag, 8. November 2010

Pergament Herstellung

Unser erstes Pergament entstand eher zufällig, als ein Fell beim Waschen haarlässige Stellen zeigte. Da standen wir nun vor der Frage, was wir damit tun sollten. Unglücklicherweise war besagtes Fell ein Kaninchenfell, so dass es sich für die Lederherstellung nun wirklich nicht anbot. Also improvisierten wir rasch einen Spannrahmen und ließen die Haut stramm aufgespannt trocknen, damit sie nicht verdarb und wir in Ruhe nachforschen konnten, wie denn daraus ein Pergament herzustellen sei.
Leider gibt es nur wenige mittelalterliche Quellen zu diesem Thema, so dass der Vorgang vor allem aus Abbildungen rekonstruiert werden muss. Eine einfache Beschreibung der Pergamentherstellung ist aber in einem Codex aus dem 9. Jahrhundert zu finden: „Lege (die Haut) in Kalkwasser und lasse sie drei Tage in ihm liegen; spanne sie dann in einem Gestell aus, schabe sie auf beiden Seiten mit einem scharfen Messer ab und lasse sie trocknen“. Und Conrad von Mura schreibt im 13. Jahrhundert: „Die Haut des Kalbes wird vom Haar befreit, ins Wasser gelegt. Kalk wird hinzugemischt, der alles Rohe wegfressen soll, (die Haut) vollkommen reinigen und die Haare ablösen soll. Ein Reifen wird angepasst, an dem die Haut ausgespannt wird. Sie wird an die Sonne gestellt, damit alle Feuchtigkeit entweicht. Dann kommt das Messer und entfernt Fleisch und Haare, macht die Haut geschmeidig und fein“. Beide Beschreibungen sind recht knapp, zudem widersprüchlich und als genaue Arbeitsanweisung nicht gerade geeignet...
Blutige Häute vom Abdecker
Aus den zitierten Beschreibungen, den Abbildungen in den Ständebüchern von Jost Ammann und Christoph Weigel und weiteren Beschreibungen aus nachmittelalterlicher Zeit sowie den althergebrachten Techniken der heute noch tätigen Pergamenthersteller lässt sich aber doch ein recht genaues Bild zeichnen.
Der Pergamenter fuhr zu den Abdeckereien und Schlachtern, um sich aus den dort anfallenden Schlachtresten brauchbares Rohmaterial auszusuchen. Allerdings hatten die Gerber hierbei meist Vorrang, woraus zu schließen ist, dass die Herstellung von Leder wichtiger war als die Herstellung von Pergament. So musste sich der Pergamenter mit dem begnügen, was übrig blieb. Ziegen- und Schafshäute für das genannte Jungfernpergament bekam er möglicherweise auch direkt von umherziehenden Schäfern, die die Früh- und Totgeburten in ihrer Herde gleich abzogen und die Häute eingesalzen oder getrocknet mit in die Städte brachten.
Gefährlicher Kalkäscher
Salz- und Trockenhäute mussten nun ausgewaschen und eingeweicht werden, während Grünhäute, also Rohhäute direkt vom Abdecker, gleich weiterverarbeitet werden konnten. Die Häute wurden zunächst mehrere Wochen lang in einer Lösung aus Wasser und Kalk eingelegt. Diese stark alkalische, nach Ammoniak riechende Lauge zersetzt die oberste Schicht der Rohhaut, so dass sich die Haare aus den Haarwurzeln lösen, und sie quillt die Fleischreste auf, was das Entfleischen vereinfacht. Das Ansetzen des so genannten Kalkäschers aus Wasser und ungelöschtem Kalk war in einer Zeit ohne wirksame Schutzkleidung ausgesprochen gefährlich und wird wohl so manchem Pergamentergesellen durch umherspritzende Kalklauge das Augenlicht gekostet haben.
Enthaaren und Entfleischen
Nach der Entnahme aus dem Äscher wurde die Haut ausgespült und kam dann auf den Gerberbaum, einen längs gespaltenen Baumstamm, der mit einer Seite auf einem Ständer stand. Dort wurden die Haare auf der Vorderseite mit dem Scherdegen, einem biegsamen geraden Messer mit zwei Griffen, und die Fleisch- und Fettreste der Rückseite mit dem Streicheisen, einer ganz ähnlich aussehenden feststehenden geschwungenen Klinge entfernt. Hierbei musste der Pergamenter natürlich aufpassen, dass er kein Loch in die Haut schnitt, denn dann war das ganze Pergament unbrauchbar. Schließlich wurde die nunmehr entstandene „Blöße“ in ein fließendes Gewässer gehängt und gründlich durchgespült, bis keine Reste der Kalklauge mehr in der Haut waren.
Aufspannen und Trocken
Bis zu diesem Punkt ähnelt die Pergamentherstellung der Herstellung von Leder. Doch während der Gerber nun die Haut einer chemischen Behandlung unterzog, damit sie zu Leder wurde, spannte der Pergamenter sein Produkt zum Trocknen auf einen Spannrahmen, den es sowohl in runder als auch in rechteckiger Form gab. Dafür legte er den Rand der nassen Haut auf kleine Steine und band die Haut mit einer Schnur um jeden Stein fest. Mit diesen Schnüren, an deren Ende kleine Holzknebel saßen, befestigte er nun die Haut auf dem Rahmen. Mit Hilfe eines Spannschlüssels konnten die Knebel gedreht und somit die Haut gleichmäßig gespannt werden. Doch durfte die Haut nicht einfach so unbeaufsichtigt vor sich hin trocknen. Eine gleichmäßige und kontrollierte Spannung war notwendig, damit sie nicht hornartig und hart auftrocknete und durchsichtig wurde. Da die Haut nicht überall gleich dick ist, trocknet sie unterschiedlich schnell. Deshalb mussten die Knebel immer wieder an einigen Stellen gelockert, an anderen gespannt und gegebenenfalls einige Stellen nachgefeuchtet werden, um eine gleichmäßige Trocknung zu gewährleisten.
Durch die starke Spannung wird die Hautstruktur mehr aus der Dicke in die Breite verlagert, die Fasern werden auseinandergezogen und es bilden sich Zwischenräume, in die Luft eindringt. Es sind diese Luftpolster, die verhindern, dass die spanngetrocknete Haut steif wie ein Brett wird. Das Pergament ist zwar am Ende nicht so geschmeidig wie ein gegerbtes Leder, aber auch nicht so hart wie eine ohne Spannung getrocknete Haut.
Glätten und Schneiden
Nun musste die trockene Haut noch auf der Fleischseite geglättet und das gesamte Pergament auf eine gleichmäßige Dicke gebracht werden. Da die Pergamenter sich gern einen gebildeten Anstrich gaben – schließlich waren ihre Hauptkunden ja Mönche -, bezeichneten sie das hierfür verwendete Werkzeug mit dem lateinischen Namen lunellum. Dies ist ein halbmondförmiges Messer, das in einen quer zur Klinge stehendes Griffstück eingelassen ist, so dass es möglich ist, den Griff mit beiden Händen anzufassen, um mit hohen Druck alle Unebenheiten auf der Haut abzuglätten. Nach dem Glätten war das Pergament fertig und die verwendbare Fläche, die nun „Nutzen“ genannt wurde, konnte als rechteckiger Bogen direkt aus dem Spannrahmen geschnitten werden, so dass die hart gewordenen Ränder im Rahmen verblieben.
Grundieren und Färben
Zur direkten Beschriftung im klösterlichen Skriptorium waren diese Bögen allerdings noch nicht geeignet. Dazu mussten die Oberflächen erst vorbereitet werden. Hier hatte wohl jeder Schreiber sein eigenes Rezept und seine eigene Methode. Zumeist raute er das Pergament mit einem Bimsstein auf und rieb es dann mit Kreide ein, damit es die Tinte besser aufnahm. Auch konnte er das Pergament mit einer dünnen Eiweißlösung einstreichen, damit die aufstehenden Fasern wieder glatt anlagen. Andere Schreiber wiederum verwendeten hierfür Pergamentleim oder Leim aus der getrockneten Schwimmblase des Störs. Weitere nachgewiesene Bindemittel waren Harze von Kirsch- und Pflaumenbäumen. Es war sogar möglich, für besonders kostbare Handschriften das Pergament einzufärben, beispielsweise mit Purpur, Grünspan, Indigo, Safran oder Krapp. Abschließend wurden die Bögen noch auf das gewünschte Format zurecht geschnitten und der Satzspiegel mit einem Lineal und einer feinen Ahle markiert. Es sind einige mittelalterliche Abhandlungen überliefert, in denen diese Vorbereitungsarbeiten mit Binde- und Färbemitteln und die Herstellung der Untergründe, Farben und Tinten sowie deren Unverträglichkeiten untereinander genau beschrieben werden.
Wir bearbeiten die aufgespannte Haut auf die gängige Art mit Bimsstein und Kreide, auch wenn dies ursprünglich nicht mehr Aufgabe des Pergamenters war, da uns bislang kein Schreiber begegnet ist, der die Grundierung selber machen möchte – das Wissen um die speziellen Rezepturen hierfür ist wohl verloren gegangen.

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