König Eumenes II. von Pergamon war sauer: Gerade hatte er seinen großartigen Plan zum Aufbau einer Bibliothek bekannt gegeben, die größer werden sollte als die berühmte Bibliothek zu Alexandria, da stoppte doch prompt der eifersüchtige ägyptische Pharao Ptolemäus die für dieses Projekt notwendigen Lieferungen an Schreibpapyrus. Also befahl der König kurzerhand seinen Hofgelehrten, einen Ersatzstoff zu beschaffen. Diese kamen auf die glorreiche Idee, hierfür Schafsfelle enthaaren und trocken zu lassen. Das entstandene Material war so hervorragend zum Beschreiben geeignet, dass Eumenes damit seine Bibliothek ausstatten konnte. Außerdem wollte er seinen Rivalen Pharao Ptolemäus ausstechen und den römischen Senat beeindrucken. Deshalb reiste er gemeinsam mit dem berühmten Schriftgelehrten Crates nach Rom, um dort einige Blätter dieses neuen sensationellen Schreibmateriales zu überreichen. Die Römer hatten bis dahin zumeist auf Papyrus oder auf Wachstafeln geschrieben oder ihre Gesetzestexte gleich in Steintafeln gemeißelt. Sie waren über die dünn geschliffenen Schafshäute ganz begeistert und nannten sie membrana pergamena, was übersetzt Haut aus Pergamon bedeutet.
Eine schöne Geschichte, aber leider nicht ganz wahr. Denn die ältesten Funde von beschriebener Tierhaut gehen bereits auf die ägyptische 4. Dynastie zurück (um 2700 v. Chr.) und auch in Mesopotamien ist dies schon um 800 v.Chr. belegt. Die Idee, auf Pergament zu schreiben, war also gar nicht neu. Verantwortlich für die Legende sind der römische Schriftsteller Plinius der Ältere (23 – 79 n.Chr.), der in seiner Naturgeschichte schreibt, dass Eumenes II. von Pergamon (dem heutigen Bergama in der westlichen Türkei) aus Mangel an Papyrus das Pergament erfunden habe und der byzantinische Philosoph Laurentius Lydus (ca. 410 – 465 n.Chr.), der die Konkurrenz zwischen Eumenes und Ptolemäus um die Gunst Roms und den Besuch von Eumenes und Crates im Jahr 168 v. Chr. schildert. Auch der spanische Bischoff und Kirchenlehrer Isidor von Sevilla (ca. 560 – 636 n. Chr.) geht in seiner „Etymologiae“, einer Enzyklopädie des weltlichen und geistlichen Wissens des 7. nachchristlichen Jahrhunderts, davon aus, dass das Pergament von dem pergamenischen König erfunden wurde. Tatsächlich haben Eumenes’ Hofgelehrte aber wohl nur die althergebrachten Methoden zur Herstellung von Pergament übernommen und verbessert. Wie auch der bis dahin gebräuchliche Schilfpapyrus, der aus den Stengeln und dem Mark einer ägyptischen Schilfstaude gefertigt wurde, war die getrocknete Tierhaut ein recht aufwendig herzustellendes Produkt und somit entsprechend teuer. Doch hatte es gegenüber dem Papyrus zahlreiche Vorteile: Es war wesentlich haltbarer und reißfester, konnte geknickt werden, war leichter zu beschreiben und zudem konnten Schreibfehler oder alte Texte einfach weggeschabt und überschrieben werden.
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